Joseph Hamilton ist Doktorand am Department of Philosophy der Columbia University. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der praktischen Philosophie des deutschen Idealismus. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit Theorien der Herrschaft in der zeitgenössischen politischen Philosophie. In seinem Dissertationsprojekt untersucht er die Rolle des Bösen in den Theorien von Kant und Hegel über das menschliche Handeln.
Joseph Hamilton
Doctoral Fellow
Zeitraum: Oktober 2025–August 2026
Forschungsprojekt: Kant und Hegel über das Böse
Email: jdh2209@columbia.edu
Forschungsprojekt
Kant und Hegel über das Böse
Mein Forschungsprojekt untersucht die Auffassungen von Kant und Hegel zur Struktur freier Handlung, indem es analysiert, auf welche Weise sie denken, dass Handelnde daran scheitern können, frei zu sein. Bei der Analyse einer Fähigkeit offenbaren ihre Fehlermöglichkeiten oft aufschlussreiche Einsichten in ihre Struktur. Kant und Hegel identifizieren freie Handlung – grob gesprochen – mit moralischer bzw. ethischer Handlung. Daher lässt sich durch die Analyse des Scheiterns moralischer Handlung, also durch die Untersuchung des Bösen, die Struktur freier Handlung erhellen.
Der erste Teil des Projekts rekonstruiert Kants Position. Nach Kant haben Handelnde ein gespaltenes Selbstverständnis: Sie begreifen sich einerseits noumenal als rein vernünftige Wesen, die moralische Prinzipien für sich selbst und alle anderen Vernunftwesen autonom gesetzgeben; andererseits phänomenal als bloß rationale Tiere, die mit niederen Versuchungen und sozialen Pathologien zu kämpfen haben. Böse Handelnde verkehren die angemessene Ordnung ihrer Maximen, indem sie die moralische Gesetzgebung nicht anerkennen. Sie täuschen sich somit über ihre moralische Verfasstheit und betrachten ihr Handeln als gerechtfertigt, ohne dem moralischen Gesetz unterworfen zu sein. Dies untergräbt die Autonomie, die für die Moral konstitutiv ist.
Der zweite Teil wendet sich Hegel zu. Hegel lehnt Kants Auffassung ab, das Böse sei eine dem moralischen Gesetz äußerliche Kraft. Stattdessen ist das Böse nach Hegel ein Teil der Möglichkeit von Autonomie. Denn Hegel versteht Selbstbewusstsein so, dass ethische Normen nur dann gelten, wenn das Subjekt sie sich zu eigen macht. Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen: Einerseits kann ein selbstbewusstes Wesen sich als von jeder ethischen Norm ungebunden verstehen. Andererseits ermöglicht es diesem Wesen, sein natürliches, gegebenes Selbst im Einklang mit ethischen Normen umzugestalten. Das Böse ist daher notwendig für die Verwirklichung von Freiheit, da nur durch diesen Begriff ein Individuum sein vollständig spontanes Verhältnis zu sich selbst erfassen kann.